Ausgangslage
Der Anteil der visuellen Wahrnehmung an unserer Gesamtwahrnehmung beträgt rund 80 %. Licht vermittelt Informationen über Größen, Oberflächen, Materialien und Farben. Die Lichttechnik ändert sich ständig, die Wirkprinzipien der Wahrnehmung bleiben gleich. Trotzdem war der Zusammenhang von Lichtgestaltung und visueller Raumwahrnehmung bisher kaum wissenschaftlich untersucht. Im Labor konnte erstmals die unbewusste, „reine“ Reaktion der Augen auf unterschiedlich gestaltete Lichtreize gemessen werden.
Passive und aktive Beleuchtung
Passive Beleuchtung stellt Dinge dar und hebt ihre Eigenschaften hervor – über Lichtfarbe, Charakteristik, Richtung und Intensität. Bei aktiver Beleuchtung wird Licht selbst zur Gestaltungsgröße, die Raumaussage, Raumgefühl und Stimmung bestimmt. Gerade im Handel haben sich Läden von passiven Verkaufsflächen zu aktiven Erlebniswelten entwickelt.
Grundlagen des Sehens
Das Gesichtsfeld beider Augen umfasst etwa 180° horizontal und 150° vertikal. Scharf sehen wir nur in einem Bereich von 1 bis 2°, bei 8° bleiben noch rund 20 % Sehschärfe, Farben unterscheiden wir bis etwa 120°. Eye-Tracking überlagert das gesehene Bild mit dem Fokuspunkt und zeigt so, welche Informationen tatsächlich aufgenommen werden.
Versuchsaufbau
Eine automatisierte Präsentation zeigte Testtafeln zu Größenvergleich, Position des ersten Blicks, Text gegen visuellen Reiz, Helligkeit, Kontrast, Bewegung bei geringem Kontrast, Farbe, warmem und kaltem Spot auf farbigem Hintergrund sowie Dynamik. Ausgewertet wurden der erste Blick, die Aufmerksamkeitsschwelle bei dynamischen Änderungen und die Blickdauer bei periodischen Änderungen.
Ergebnisse im Einzelnen
- Größe: Keine Bevorzugung größerer oder kleinerer Lichtflächen gleicher Leuchtdichte, aber eine Tendenz zum linken Objekt.
- Position: Eindeutige Bevorzugung von oben links, Punkte in der oberen Bildhälfte werden eher betrachtet. Änderungen werden meist innerhalb von vier Sekunden erkannt.
- Text gegen Reiz: Kurz eingeblendete Punkte neben einem Text erkannten 6 von 19 Personen, davon 5 Männer.
- Helligkeit, Kontrast, Farbe: Keine Bevorzugung bestimmter Werte, aber eine deutliche Tendenz nach links oben.
- Bewegung: Auch bei sehr geringem Kontrast von allen erkannt und über die gesamte Dauer verfolgt.
- Warmer und kalter Spot: Keine Korrelation mit der Hintergrundfarbe; die Aufmerksamkeit liegt oberhalb der Mitte zwischen den Spots.
- Dynamik: Sehr langsame Änderungen bemerkt nicht jeder, Änderungen von zehn Sekunden Dauer noch mehr als die Hälfte.
Fazit
Mit gezielten Lichtreizen – über Platzierung, Kontrast, Farbe und Bewegung – lassen sich Blickverläufe planen und Aufmerksamkeit reproduzierbar lenken. Die Ergebnisse fließen in raumbezogene Empfehlungen für die bewusste Lichtgestaltung ein und bilden die Grundlage für den Feldversuch im Handel.


