White Paper · Felsch Lighting Design

Licht.Gestalten – Licht.Effekte

Wie die Analyse der Wirkmechanismen visueller Wahrnehmung es ermöglicht, Aufmerksamkeit gezielt und reproduzierbar zu lenken

Autor: Markus Felsch, Prof. Dr.-Ing. Roland Greule, Dipl.-Ing. Thomas Lemke, Sergej Batov · Veröffentlicht: · Aktualisiert:

Titelseite: Licht.Gestalten – Licht.Effekte

Kurzfassung

Rund 80 % unserer Wahrnehmung ist visuell, und das wichtigste Medium dafür ist Licht. In einer Laborstudie im virtuellen Studio der HAW Hamburg haben Felsch Lighting Design und die HAW mit Eye-Tracking untersucht, wie 19 Testpersonen unbewusst auf Lichtreize reagieren: auf Größe, Position, Helligkeit, Kontrast, Farbe, Bewegung und Dynamik. Der erste Blick ging meist nach oben links, Bewegung und starke Helligkeitskontraste wurden am schnellsten erkannt. Daraus leiten sich Empfehlungen für eine aktive Lichtführung ab.

Kernaussagen

  1. Der erste Blick richtet sich unabhängig vom Inhalt meist in die obere linke Bildhälfte. Visuelle Aufmerksamkeit folgt in standardisierten Situationen räumlichen Routinen.
  2. Bewegungsreize und starke Helligkeitskontraste werden am schnellsten erkannt und führen zu längeren Fixationen. Selbst eine Bewegung mit sehr geringem Kontrast wurde von allen Testpersonen erkannt und verfolgt.
  3. Subtile Reize wie Farbdifferenzen oder kurze Einblendungen nehmen nicht alle wahr. Männer reagierten im Mittel etwas schneller und häufiger auf kurzzeitige Änderungen.
  4. Bei Text und Bild wählten Frauen häufiger den Text als ersten Fixationspunkt, Männer reagierten stärker auf Veränderungen im Bild.
  5. Sehr langsame Änderungen werden nicht von allen bemerkt; mehr als die Hälfte erkannte aber noch Änderungen mit zehn Sekunden Dauer.
  6. Eine bestimmte Größe, Helligkeit oder Farbe wird für den ersten Blick nicht bevorzugt – Position und Dynamik sind wirksamer.

Ausgangslage

Der Anteil der visuellen Wahrnehmung an unserer Gesamtwahrnehmung beträgt rund 80 %. Licht vermittelt Informationen über Größen, Oberflächen, Materialien und Farben. Die Lichttechnik ändert sich ständig, die Wirkprinzipien der Wahrnehmung bleiben gleich. Trotzdem war der Zusammenhang von Lichtgestaltung und visueller Raumwahrnehmung bisher kaum wissenschaftlich untersucht. Im Labor konnte erstmals die unbewusste, „reine“ Reaktion der Augen auf unterschiedlich gestaltete Lichtreize gemessen werden.

Passive und aktive Beleuchtung

Passive Beleuchtung stellt Dinge dar und hebt ihre Eigenschaften hervor – über Lichtfarbe, Charakteristik, Richtung und Intensität. Bei aktiver Beleuchtung wird Licht selbst zur Gestaltungsgröße, die Raumaussage, Raumgefühl und Stimmung bestimmt. Gerade im Handel haben sich Läden von passiven Verkaufsflächen zu aktiven Erlebniswelten entwickelt.

Grundlagen des Sehens

Das Gesichtsfeld beider Augen umfasst etwa 180° horizontal und 150° vertikal. Scharf sehen wir nur in einem Bereich von 1 bis 2°, bei 8° bleiben noch rund 20 % Sehschärfe, Farben unterscheiden wir bis etwa 120°. Eye-Tracking überlagert das gesehene Bild mit dem Fokuspunkt und zeigt so, welche Informationen tatsächlich aufgenommen werden.

Versuchsaufbau

Eine automatisierte Präsentation zeigte Testtafeln zu Größenvergleich, Position des ersten Blicks, Text gegen visuellen Reiz, Helligkeit, Kontrast, Bewegung bei geringem Kontrast, Farbe, warmem und kaltem Spot auf farbigem Hintergrund sowie Dynamik. Ausgewertet wurden der erste Blick, die Aufmerksamkeitsschwelle bei dynamischen Änderungen und die Blickdauer bei periodischen Änderungen.

Ergebnisse im Einzelnen

  • Größe: Keine Bevorzugung größerer oder kleinerer Lichtflächen gleicher Leuchtdichte, aber eine Tendenz zum linken Objekt.
  • Position: Eindeutige Bevorzugung von oben links, Punkte in der oberen Bildhälfte werden eher betrachtet. Änderungen werden meist innerhalb von vier Sekunden erkannt.
  • Text gegen Reiz: Kurz eingeblendete Punkte neben einem Text erkannten 6 von 19 Personen, davon 5 Männer.
  • Helligkeit, Kontrast, Farbe: Keine Bevorzugung bestimmter Werte, aber eine deutliche Tendenz nach links oben.
  • Bewegung: Auch bei sehr geringem Kontrast von allen erkannt und über die gesamte Dauer verfolgt.
  • Warmer und kalter Spot: Keine Korrelation mit der Hintergrundfarbe; die Aufmerksamkeit liegt oberhalb der Mitte zwischen den Spots.
  • Dynamik: Sehr langsame Änderungen bemerkt nicht jeder, Änderungen von zehn Sekunden Dauer noch mehr als die Hälfte.

Fazit

Mit gezielten Lichtreizen – über Platzierung, Kontrast, Farbe und Bewegung – lassen sich Blickverläufe planen und Aufmerksamkeit reproduzierbar lenken. Die Ergebnisse fließen in raumbezogene Empfehlungen für die bewusste Lichtgestaltung ein und bilden die Grundlage für den Feldversuch im Handel.

„Aus dem Zusammenspiel von Licht und Schatten entsteht der Kontrast, in dem die Aussage zum Vorschein kommt.“

Markus Felsch

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Begriffe kurz erklärt

Eye-Tracking
Aufzeichnung der Augenbewegungen, überlagert mit dem gesehenen Bild, um den Fokuspunkt zu bestimmen.
Erster Blick
Position der ersten Fixation nach dem Erscheinen eines neuen Reizes.
Aufmerksamkeitsschwelle
Zeit, bis eine dynamische Änderung als erste erkannt wird.
Aktive Beleuchtung
Licht als eigenständige Gestaltungsgröße, die Raumstimmung und Blickführung bestimmt.

Häufige Fragen

Wohin geht der erste Blick in einem Raum oder auf einer Fläche?

In der Studie meist nach oben links, unabhängig vom Inhalt.

Welche Lichtreize werden am schnellsten wahrgenommen?

Bewegung und starke Helligkeitskontraste. Bewegung wurde selbst bei sehr geringem Kontrast von allen Testpersonen erkannt.

Wie schnell darf sich dynamisches Licht ändern?

Nicht zu langsam: Änderungen über zehn Sekunden bemerkte nur noch gut die Hälfte. Für den Handel gilt die Mittelmaß-Regel aus dem Feldversuch Opticon.

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